• Offenes Herz

Jonas in Indien - Weisheit, die Bücher nicht lehren


Die Geschichte führt uns zum Garten von Offenes Herz in Indien. Dort lebt seit einigen Jahren Madeleine, eine kleine Frau in ihren Fünfzigern aus Süd-Tamil Nadu, die stets mit Sari gekleidet, wie für verheiratete tamilische Frauen üblich, und nie um einen Scherz verlegen ist. Das Leben hat sie in den Garten geführt, nachdem sie schon lange von ihrem Mann verlassen worden war und zuhause keinen Familienrückhalt mehr hatte. Madeleine ist eine einfache Frau, die nie lesen gelernt, geschweige denn eine Schule besucht hat. Seit ihrer Jugend hat sich im Haushalt mit angepackt. Im Garten hilft sie beim Gemüseschneiden, Geschirrspülen, Fegen oder beim Dekorieren des Altares mit Blumen in der Kapelle. Schon früh morgen sieht man sie dann zwischen den Bäumen und Sträuchern umherstreifen, auf der Suche nach roten, gelben und weißen Blumen, die sie vor der Morgenmesse liebevoll auf dem Altar platziert.


Ihr Markenzeichen ist definitiv ihre schelmische Art. Sie liebt es, mir beim Essen heimlich meinen Wasserbecher zu stibitzen und mich dann spitzbübisch zu fragen, warum ich denn kein Wasser tränke. Wenn ich sie dann auf frischer Tat doch ertappt habe, fängt sie an zu kichern. Das ist umso komischer, da sie keine Zähne mehr hat, und trotzdem auf eine wunderbar herzliche Art lacht. Eine große Freude bereiten wir ihr, wenn wir ihr Zeit für einen kleinen Plausch schenken. Denn sie unterhält sich halt einfach gerne. Auch hier gehört zu ihrem Standardrepertoire von Späßchen folgendes: Fragt man sie nach ihrem Wohlbefinden, wie es ihr denn gerade ginge, dann erwidert sie sich ins Fäustchen lachend: „Peesa maatteen, peesa matteen“ („Hihi, ich antworte dir nicht, ich antworte dir einfach nicht“). Ich bewundere ihre humorvolle Art und wie sie es liebt, ihr inneres kleines Kind zum Vorschein kommen zu lassen und bei der Hausarbeit mit uns ab und zu rumzualbern. Dann nimmt sie beispielsweise den Besen zur Hand und fängt spontan an, zu tanzen, stimmt ein Liedchen an oder probiert, einen Wasserkrug auf ihrem Kopf zu balancieren. Gerne fragt sie uns Freiwillige auch, wie man „Hallo, wie geht’s dir“ auf unserer Muttersprache spricht. Sie versteht zwar kein Englisch, aber es ist so lustig, wie sie dann unsere französischen Gäste mit „Coucou, comment ça va?“ begrüßt und diese ganz angetan sind von Madeleines Sprachkenntnissen.


Madeleine beim Blumenpflücken


Apropos Singen: Darin ragt sie heraus. Denn Madeleine hat ihr Brot früher damit verdient, die Feldarbeiter auf dem Land Südindiens während der Ernte mit ihrem Gesang zu unterhalten. Sie ist gewissermaßen eine wandelnde Jukebox, die auf Kommando hunderte tamilische Volks- und Kirchenlieder aus dem Stegreif vorsingen kann. Dann glänzt sie auf den gelegentlichen Karaoke-Abenden im Garten. Während wir alle gebannt auf die Texte auf der Leinwand starren, schnappt sie sich einfach das Mikrofon und los geht’s.


Ich habe mich entschieden, über Madeleine zu schreiben, da sie mich jüngst in zweierlei Hinsicht bewegt hat: Erstens, sie hat einen Sohn, Michael, der ihr ganzer Stolz ist. Michael kommt sie monatlich besuchen. Dann ist Madeleine immer ganz aufgeregt und verkündet allen freudig: Michael kommt mich morgen besuchen! Michael arbeitet in einer IT-Firma, hat einen guten Hochschulabschluss abgelegt und spricht fließend Englisch. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, wie stolz Madeleine, die selbst aus einem sehr einfachen ländlichen Dorfleben kommt und selbst keine Schulausbildung genießen konnte, auf ihren Sohn ist, der es so weit gebracht hat (und wenn ich von Dorf spreche, dann meine ich wirklich Lehmhütten mit Strohdächern, Lehmofen und Viehgehege, wie wir es in Deutschland niemals finden würden). Vor kurzem fragte ich sie einmal neugierigerweise, warum sie sich denn für den Namen Michael entschieden habe. Da gab sie mir zu verstehen, dass sie fünf Jahre vergeblich auf ein Kind gewartet und in dieser Zeit so häufig in der Kapelle des Hl. Erzengel Michaels für eine glückliche Schwangerschaft gebetet hatte. Und eines Tages, nach so langem Warten, habe sich ihr Wunsch dann erfüllt. Stille Wasser sind tief.


Zweitens, erinnere ich mich gut daran, wie ich eines Tages mit Madeleine einmal auf einem Spaziergang durch unseren Garten streifte. Sie schätzt es so sehr wert, wenn wir sie beim Flanieren durch die Natur begleiten. Dann fragt sie gleich, ob wir gemeinsam eine Kokosnuss pflücken wollen. Mit einem fünf Meter langen Bambusstock, an dessen Ende ein gebogenes Messer befestigt ist, versuchen wir, die Kokosnuss von den Palmenblättern abzuhacken, die dann laut plumpsend auf den Boden fallen (Kokosnüsse wachsen übrigens mit einer dicken grünen Schale am Baum und nicht braun, mit den drei Löchern auf der Seite, wie man sie dann im Supermarkt findet; das ist nur der Kern, den man erst mal mit der Machete befreien musste. Wusste ich vorher auch nicht). Ist die Kokosnuss dann geköpft, trinken wir genüsslich die Milch und lassen uns das Kokosnussfleisch schmecken. Danach machen wir uns auf den Weg durch den Garten. Ich war beeindruckt, was für ein unglaubliches Wissen Madeleine über die Flora unseres Gartens hat. So viele Obstbäume und Beerensträucher, die ich zuvor gar nicht kannte: Neben Mango- und Papayabäumen sowie Kokosnusspalmen finden

sich hier Tamarindbäume, Goyakay, Nellekay, Marundakay, Custard Apples, alles Früchte, für die ich

im Deutschen gar keine Namen finde. Man merkt, dass Madeleine nicht aus Büchern, sondern von der Natur selbst gelernt hat. Irgendwie ganz anders als mein Studienleben. Und dann kommen wir zu einer Palme, von der einige Palmzweige schon abgebrochen und braun verwelkt waren. Plötzlich gab mir Madeleine zu verstehen, dass ich ihr helfen solle, die einzelnen Blätter von den Ästen abzureißen und zu sammeln. Dann streifte sie die einzelnen Strähnen von den Blättern ab, steckte diese in kleine Bündel zusammen, knotete noch ein Palmblatt herum und zack … fertig war der Kokosnussbesen. Es gibt eben ein Wissen auf dieser Welt, das uns Bücher nicht lehren können.


Madeleine beim Auslesen der Reiskörner.


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