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Auszüge aus Lukas' letztem Patenbrief

Liebe Paten,

ich schreibe euch inzwischen schon wieder aus Deutschland und schaue auf eine wunderschöne Zeit zurück.

Besonders die letzte Zeit in Peru war sehr intensiv, denn während des letzten Monats habe ich mich nach und nach von den verschiedenen Freunden verabschiedet. Das ist nicht immer leicht, denn viele von ihnen sind mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen. Auf der anderen Seite lässt die Verabschiedung oft auch die wahre Tiefe der Freundschaft durchscheinen, die vorher gar nicht so offensichtlich war. Für mich ist es dann immer wieder ein Moment, in dem ich überwältigt werde von dem Staunen über die Gnade und Großzügigkeit Gottes. Denn das sehe ich dann immer wieder ganz deutlich: diese Freundschaft ist weder mein „Verdienst“, noch der des anderen, sondern es ist ein unendliches und unverdientes Geschenk.

Bei den Kindern habe ich das sehr deutlich gemerkt, auch wenn sie das immer auf ganz andere Weise ausgedrückt haben. So stand ich zum Beispiel am Tag, bevor ich dann abgereist bin, bei uns auf der Straße und konnte mich nicht von der Stelle bewegen, weil auf meinen Füßen drei Kinder saßen und meinten: „Nein, du bleibst hier!“

Und noch einmal will ich es sagen: Danke, dass ihr diese Mission ermöglicht und begleitet habt.

Doch jetzt will ich einmal von vorne anfangen. (...)

Jonathan

Generell habe ich viel von Menschen mit Behinderung gelernt. Vor allem im Hogar de la Paz, einem Behindertenheim der Schwestern von Mutter Teresa. Dieses besuchen wir jeden Freitag und helfen bei der Pflege, beim Putzen und was sonst noch alles ansteht. Außerdem helfen wir den Jungs beim Essen und können einfach Zeit mit ihnen verbringen. Es kann komisch scheinen, dass wir nur zum Fensterputzen, Kehren und Wäsche zusammenlegen extra bis zu diesem Heim gehen. Es ist zu Fuß immerhin eine halbe Stunde entfernt.

Wahrscheinlich kann man es besser verstehen, wenn man Jonathan lachen sieht. Er ist dort in dem Heim und körperlich und geistig schwer behindert. Allerdings versteht er viel und kann auch einige Wörter sprechen. Er ist außerdem, glaube ich, der Einzige, der uns wiedererkennt.

Eines Tages waren Gisela und ich also wieder in dem Heim und nachdem das Mittagessen zu

Ende war, hatten wir etwas Zeit. Gisela fing also an, mit Jonathan ein spanisches Kinderlied zu singen. Die beiden tanzten bestimmt einige Minuten mit seinem Rollstuhl durch das Zimmer, und er schien der glücklichste Mensch der Welt zu sein. Glücklich nicht deswegen, weil er keine Probleme oder Sorgen hatte. Ganz im Gegenteil, man sieht ihm an, dass er sehr wohl leidet. Aber man sieht ihm außerdem an, dass er sich entschlossen hat, dieses Kreuz zu tragen, und deswegen lebt er in einer vollkommenen Haltung der Dankbarkeit. Das ist wahre Stärke.

Als wir dann schließlich gehen mussten, sagte er nichts, sondern es kullerte ihm nur eine einzige, dicke Träne über seine Wange...


Jetzt, nachdem ich wieder zu Hause bin, fragen mich natürlich viele, was denn das Beeindruckendste oder das Berührendste während dieses Jahres war, wo ich mich verändert oder dazugelernt habe. Ich muss gestehen, das ist schwer zu sagen.

Natürlich habe ich Spanisch gelernt, habe gelernt, die peruanische Kultur (vor allem die Küche) zu schätzen. Besonders viel habe ich jedoch auch durch das Gemeinschaftsleben gelernt. Man lernt viel über sich selbst und wird immer daran erinnert, nicht im Status quo stehen zu bleiben, sondern stets besser zu werden.

Wo mir viel geschenkt wurde, das sind die unzähligen Kleinigkeiten des Alltags:

Einem Kind die Tür zu öffnen, weil es einfach zum fünften Mal fragen will, wann es denn heute zum Spielen kommen kann, einen Tee mit Bertha oder Roxana zu trinken, mir von Señora Consuelo drei neue Kochrezepte erklären zu lassen, mit Señora Eva ihr selbstgemachtes Eis zu probieren oder mich einfach mit Alfredo auf den Bürgersteig zu setzen und über alles Mögliche zu plaudern. Das größte Geschenk jedoch waren die vielen Stunden, die ich mit Jesus in unserer Kapelle verbringen durfte.

Viele dieser Dinge sind zwar wirklich nur Kleinigkeiten, doch wenn man sie an der Liebe misst, die in ihnen steckt, sind sie unglaubliche Schätze. Und genau das ist es doch, was zählt. Meine Gegenwart im Viertel hat vielleicht materiell und oberflächlich gesehen nicht viel bewirkt. Wir haben keine Schulen gebaut, keine Erste-Hilfe-Station eingerichtet, und auch die Regierung ist noch genauso korrupt wie zuvor. Mein Gesicht wird noch auf einigen Fotos zu sehen sein und mein Name vielleicht noch in den Erzählungen der Freunde. Aber Señora Esperanza hat die Situation, glaube ich, sehr gut auf den Punkt gebracht:

Mein Gedächtnis ist nicht mehr das Beste. Ich habe deinen Namen wahrscheinlich schon bald vergessen, aber ich werde nie vergessen, dass du zu Besuch gekommen bist.“

Dass da jemand da war, der ihr die Tür aufgemacht hat, der sich Zeit für sie genommen hat, der ihr ihre Tränen abgewischt hat, der ihr die Hoffnung gegeben hat weiterzugehen, der sie schlussendlich vor allem liebt, das ist das Einzige, was wir geben können, und zugleich ist es alles...


Da dies leider mein letzter Patenbrief sein wird, möchte ich mich abschließend noch einmal bedanken und hoffe, ihr konntet durch meine Berichte einige Einblicke in unser Leben und das Wirken Gottes dort erhalten. Danke für eure Unterstützung im Namen aller Freunde dort in Peru! Sie freuen sich so über jeden neuen Freiwilligen, der kommt. Letztendlich habe aber vor allem ich so viel erhalten, dass ich es euch nicht vergelten kann. Danke, dass ihr es mir ermöglicht habt, diese Schule der Liebe zu machen! Denn das war es: eine Schule der Liebe und meine Lehrer, das waren die Kleinsten und Ärmsten.

(...)

Lukas

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